• Marie Spitznagel

Humor ist, wenn man trotzdem

echt hart für einen Witz arbeiten muss.


Was macht einen Text denn eigentlich witzig?

Kann man Humor lernen?

Und wie viele Deutsche braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?

Einen. Wir sind sehr effizient und haben keinen Humor.


Doch, haben wir natürlich. Aber ich mag das Klischee des unlustigen und etwas zu technisch denkenden Deutschen. Meine britische Verwandtschaft kann ich damit stundenlang unterhalten.

Natürlich ist es Quatsch und es gibt eine wunderbare deutsche Humorgeschichte mit Heinz Erhardt, Loriot, Otto Waalkes oder Carl Valentin. Und auch grandiose zeitgenössische Humoristen, wie Torsten Sträter, Marc-Uwe Kling, Carolin Kebekus und Felix Lobrecht. Alle sehr unterschiedlich und unterschiedlich lustig.


So, warum ist das jetzt aber wichtig und warum schreibe ich das hier?

Natürlich zum Einen, weil ich Komödien schreibe und viel über Humor nachdenke. Zum Anderen, weil ich beim Nachdenken immer mal wieder feststelle, wie viel ungesehene Arbeit in Humor steckt. Komödien im Film, in der Literatur und auch auf der Bühne, sind für viele Menschen nicht unbedingt ein Zeichen von Kultur. Vielleicht weil wir auch gerne über profane, stumpfe und sinnlose Dinge lachen. Zum Beispiel über einen zeitlich sehr unpassend platzierten Pups.

Ein lauter Pups in einem stillen Raum voller Leute, löst garantiert ein paar Lacher aus.


Also, wie klug und vielschichtig kann etwas sein, dass eine ähnliche Reaktion hervorruft?

Tatsächlich sehr und auch ziemlich schwierig. Gute Witze entstehen selten spontan (wenn wir mal die Situationskomik ausklammern), Comedy für die Bühne muss immer wieder ausprobiert und getestet und nachgebessert werden. Einen wirklich witzigen Text zu schreiben, der nicht erzwungen und gekünstelt klingt, auch wenn man ihm zum tausendsten Mal überarbeitet oder vorträgt, das ist wirklich eine Herausforderung.


Aber das kann man lernen.


Manche Menschen behaupten, dass Humor und generelle Witzigkeit angeborene Talente sind. Das mag stimmen, aber wie bei jedem Talent - das allein reicht nicht. Man muss weiter üben, probieren, gewisse Grundprinzipien und -regeln kennen, um sich dann gezielt dazu zuentschliessen, sie über Bord zu werfen.


Heute beschäftige ich mich mit einem der ersten dieser Prinzipien und in den nächsten Wochen werden immer weitere dazu kommen.

Klingt gut, oder?

Ja, tut es.

Also.


gif

Humor als Grenzüberschreitung


Eine sehr spannende These von Dr. Peter McGraw und seinem Team zum Thema Humor ist «Minimale Grenzüberschreitungen sind lustig.» Das erklärt, warum es unheimlich witzig ist, wenn man in unpassenden Situationen pupst.

Sein Beispiel:

Ich gehe eine Treppe runter – Keine Grenzüberschreitung, nicht witzig

Ich falle die Treppe runter, aber mir passiert nichts – Minimale Grenzüberschreitung,

witzig

Ich falle die Treppe hinunter und verletze mich – starke Grenzüberschreitung, nicht

witzig


«Minimal» kann hier auch mit «ungefährlich» gleichgesetzt werden. Also, übertragen wir das mal auf bekannte Witzigkeiten. Situationen, die an unserer Weltsicht kratzen, sie aber nicht gänzlich verneinen, sind ungefährlich, also witzig. Marc-Uwe Klings kommunistisches Känguru ist wesentlich witziger, als wäre dieser Mitbewohner, der permanent den Status-Quo in Frage stellt, ein Mensch. Je nach Umfeld des Lesers, kann diese Grenzüberschreitung auch beides sein, zu klein oder zu groß. Hatte man vielleicht schon mal Kontakt mit einem Altlinken, der gegen den Kapitalismus wettert während er einen fremden Kühlschrank leer frisst, fühlen sich die Eskapaden eher wie ein Blick in die reale Vergangenheit an.

Hatte man hingegen noch nie Kontakt zu Menschen dieser Art und befindet sich vielleicht politisch auf einer ganz anderen Stelle des Spektrums, wären die Geschichten des kommunistischen Hobbyaufwieglers nicht wirklich lustig und reine Provokation.


Ein anderes passendes Beispiel sind Carolin Kebekus Nummern über die römisch-katholische Kirche. Wenn sie sich über diese lustig macht, ist das für Menschen, die ihr sowieso kritisch gegenüberstehen nur eine minimaler Grenzüberschreitung, für Gläubige kann es aber durchaus nicht lustig und verletzend sein.


Wenn man das weiß, dann kann man natürlich mit diesen Grenzüberschreitungen auch ganz gezielt arbeiten (das hat die liebe Caroline da ja auch gemacht).


Und was lernen wir daraus?


Es ist also von der Zielgruppe abhängig, was als «minimal» oder auch «ungefährlich» angesehen wird. Emphatie ist eine wichtige Eigenschaft, die man benötigt, um witzige Texte zu schreiben und sich im Bereich der «minimalen Grenzüberschreitung» und auch gezielt darüber hinaus zu bewegen. Provokation durch Humor ist nicht neu und funktioniert zum Teil ganz fabelhaft. Man muss sich eben nur im Klaren darüber sein, wie man sie wo einsetzen möchte und auch damit rechnen, dass die Reaktion des Publikums dementsprechend ausfallend wird.

Ein kleiner "Versöhner" danach kann helfen, die Provokation abzumildern, wenn man das möchte.


Humor ist also enorm individuell und abhängig von der Zielgruppe.

Wie sprichst du deine Zielgruppe an und wie sind ihre Werte?

Wenn du das weißt, dann kannst du die Technik der gezielten, minimalen (oder größeren) Grenzüberschreitungen einsetzen. Aber auch hier bleibt es nicht aus weiter zu üben und dein Material auszutesten.


Hat dir dieser Text weitergeholfen?

Ich werde jetzt regelmäßig weitere Texte darüber schreiben, wie man Humor passend einsetzt.





14 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen